****** In den 60er Jahren gehörten The Who zu den schärfsten Konkurrenten der Beatles und Rolling Stones. Ähnlich wie die genialen Kinks standen sie immer im Schatten dieser beiden Übergruppen. Dabei haben ähnlich wie die Kinks streckenweise wesentlich besser Musik gemacht als die Beatles oder Stones. Wie dem auch sei, den verdienten Erfolg hatten sie trotzdem. Bekannt wurden Pete Townshend, Roger Daltrey, John Wntwhistle und Keith Moon nicht nur durch ihre aggressiven Beatschlager, sondern nicht zuletzt durch ihre spektakulären Bühnenshows, an deren Ende eine Zerstörungsorgie sondergleichen stand: Wie entfesselte Irrwische zerstörten sie ihre Instrumente. Die Extravaganz kostete natürlich Unsummen von Geld und so war es nicht verwunderlich, daß The Who Ende der 60er Jahre so gut wie pleite war. Doch bevor das Unternehmen The Who aus finanziellen Gründen den Bach runterging, schüttelte ihr Mastermind Pete Townshend mit der Rockoper „Tommy“ ein geradezu geniales As aus dem Ärmel. Der Erfolg von „Tommy“ sanierte nicht nur die katastrophale Situation der Band, sondern machte Jungs auch noch finanziell unabhängig. Nach dem großen Erfolg von „Tommy“ und ausgiebigen Tourneen ließen es die Jungs erst einmal ruhig angehen. 1970 präsentierten sie ihren Fans mit „Live At Leeds“ ein explosives Livealbum. Wer The Who nach „Tommy“ bereits als Rockopas eingestuft hatte, der wurde mit dem Mitte 1971 veröffentlichten Werk „Who’s Next?“ gründlich eines besseren belehrt. Hier zeigen sich Townshend, Daltrey, Entwhistle und Moon voll auf der Höhe der Zeit und zeigten eindrucksvoll, daß sie in den 70er Jahren angekommen sind. Eigentlich braucht man über dieses grandiose Album nicht viel zu schreiben, denn unglaubliche Qualität spricht für sich selbst. Trotzdem will ich einige wenige Worte zu diesem Juwel sagen. Mit dem witzigen Cover zeigen The Who gleich einmal ihren Sinn für Humor: Pete Townshend, Roger Daltrey, John Entwhistle und Keith Moon wenden sich nach vollendeten Geschäften von einem bepinkelten Betonklotz ab und darüber steht „Who’s Next?“. Auf die Frage, wer als nächster den Betonklotz benässen will oder ob es sich bei der vorliegenden LP einfach um die nächste von The Who handelt, kann man nur sagen, dieses Werk ist eines der besten und schärfsten der Band überhaupt. Es geht los mit „Baba O’Riley“, einem der besten Who Stücke überhaupt. Das Intro irritiert, wird das Stück durch einen Synthesizer eingeleitet. Hier zeigen The Who einmal mehr ihre Unberechenbarkeit, denn zum damaligen Zeitpunkt war es schon etwas Außergewöhnliches, daß eine Rockband auf dieses damals relativ neuartige Instrumental zurückgriff. Wenn man sich einmal „Jump“ von Van Halen aus dem Jahre 1984 anhört, dann weiß man, welches Pionierarbeit Pete Townshend & Co. geleistet haben. Wer aber denkt, The Who würden nun Experimentalrock spielen, sieht sich schnell eines besseren belehrt. Nach dem etwas gewöhnungsbedürftigen Intro folgt packender Powerrock in bester Who Tradition. Es dominiert kraftvoller Rock mit The Who in Hochform. Roger Daltrey singt wie aufgedreht und stellt eindrucksvoll unter beweis, das er zum damaligen Zeitpunkt neben Robert Plant von Led Zeppelin der beste Rocksänger war. Übrigens, das Intro und den Pianoriff von „Baba O’Riley“ sollte man einmal mit Sweets 75er Hit „Action“ vergleichen. Das packende „Bargain“ ist zeitgemäßer Hardrock mit einigen ruhigen Passagen, das kurze „Love Ain’t For Keeping“ bietet dagegen Folkrock. „My Wife“ bietet gemäßigten Hardrock. In den Instrumentalpassagen kann das Stück voll überzeugen, was allerdings nicht auf John Entwhistles zutrifft. „Song Is Over“ ist ein packendes, toll gespieltes Stück, das allerdings nur echte Who Fans richtig begeistern wird. „Getting Tune“ ist eine Rockballade amerikanischen Zuschnitts, „Going Mobile“ klingt erfrischend poppig. Die Ballade „Behind Blue Eyes“ ist eines der Glanzstücke im Gesamtwerk der Who. Musikalisch bieten sie hier schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was zwei Jahre später im Meisterwerk „Quadrophenia“ folgen sollte. Als zweite Singleauskopplung war „Behind Blue Eyes“ im Herbst 1971 ein mittlerer Hit in den USA. Ein echter Tophit war dagegen „Won’t Get Fooled Again“, hier in der achteinhalbminütigen Langfassung. Hier rocken die Jungs einen dermaßen vom Leder, daß es ein einziges Vergnügen ist, sich „Won’t Get Fooled Again“ reinzuziehen. Hier strotzen sie nur so vor Spiellaune und der Funke geht sofort über. Nicht umsonst erfreut sich dieses Juwel auch heute noch großer Beliebtheit. So wie das ganze Album ein Juwel ist und...ach, bevor ich jetzt hier vollends ins Schwärmen gerate und einige „Kenner“ meinen, „Who’s Next?“ sei gar nicht so gut und es gibt wesentlich bessere Werke von The Who, kann ich nur sagen, hört euch „Who’s Next“ selber an und bildet euer eigenes Urteil. Wer dieses Juwel nicht kennt, hat eines der besten Stücke Rockgeschichte verpaßt! |